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Gletscherseen beschleunigen das Abschmelzen von Gletschern.

by Rafael Simon

Gletscher schmelzen schneller, wenn ihre Zunge in einem Gletschersee endet. Laut einer internationalen Studie mit Schweizer Beteiligung verdoppelt sich die Strömungsgeschwindigkeit im Durchschnitt.

Gletscher ziehen sich weltweit zurück und lassen Frontmoränen vor sich, die aus dem von ihnen transportierten Gesteinsschutt entstanden sind. Im Laufe der Zeit kann sich Schmelzwasser in Tälern stromaufwärts dieser natürlichen Barrieren ansammeln und neue Seen bilden, sagte der Schweizerische Nationalfonds (SNF) in einer Erklärung am Donnerstag.

Dieses Phänomen ist beispielsweise in der Schweiz an den Gletschern Tschierva (GR) und Gruben (VS) zu beobachten. Ein Team um Tobias Bolch von der University of St. Andrews in Schottland, ehemals Universität Zürich, hat dieses Phänomen erstmals im Detail und im grossen Massstab analysiert.

Die Forschung konzentrierte sich auf 319 Gletscher mit einer Fläche von mehr als drei Quadratkilometern im zentralen und östlichen Himalaya. Etwa ein Fünftel von ihnen bilden Seen. Die Gletscher dieser Region speisen große Flüsse wie den Ganges und den Brahmaputra und tragen zur Wasserversorgung von 500 Millionen Menschen bei.

Die Eiszunge rückt im Wasser vor

Für ihre Analysen nutzten die Wissenschaftler Daten der europäischen Sentinel-2-Satelliten, die das Gebiet alle fünf Tage überfliegen. Die zwischen 2017 und 2019 aufgenommenen Infrarotbilder haben eine Auflösung von bis zu zehn Metern.

Dort identifizierte ein Algorithmus kontrastreiche Strukturen, etwa Gesteinstrümmer auf der Eisoberfläche, und zeichnete auf, wie schnell sie sich im Laufe der Zeit flussabwärts bewegten.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Gletscher, die in einem See enden, bewegen sich mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 20 Metern pro Jahr doppelt so schnell wie solche, die an Land enden. Es spielte keine Rolle, ob seine Oberfläche sauber oder mit einer großen Menge Schutt bedeckt war.

Diese Beschleunigung könnte laut den Autoren durch die Tatsache erklärt werden, dass die Gletscherzunge einen Auftriebseffekt erfährt, der den Luftwiderstand verringert.

Wassermangel

Wenn Gletscher schneller fließen, werden die im Eis gespeicherten Wasserreserven schneller aufgebraucht und die Wasserwege nehmen weniger ab. Bisher war die Beschleunigung durch Gletscherseen in solchen Prognosen nicht enthalten. Daher könnte es in den betroffenen Regionen Asiens schneller als erwartet zu Wasserknappheit kommen.

Die Ergebnisse sind auch in anderer Hinsicht wichtig: Sie ermöglichen es, die Füllrate der Seen besser zu berechnen und festzustellen, wann der von der Endmoräne gebildete Deich zu brechen und eine Riesenwelle auszulösen droht.

Dies gilt auch für die Schweiz. An dieser in der Zeitschrift The Cryosphere veröffentlichten Arbeit waren auch britische und niederländische Forscher beteiligt.

/ATS

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